Textauszug aus der Chronik der Loge zum 150jährigen bestehen

Der Chronik der Freimaurer-Loge "Armin zur Deutschen Treue" ist zu entnehmen, wie tief die politischen Wirrnisse der Epochen die Menschheit durcheinander wirbelten.

Die Loge wurde in einer Zeit gegründet, als Europa noch in vielen Bereichen die Auswirkungen der Französischen Revolution spürte.

Die aufgeklärten Menschen hatten zwangsläufig das Bedürfnis nach geistiger Sammlung und höheren Lebenswerten. So entschlossen sich angesehene Bielefelder Bürger, einen Hort der Humanitas zu schaffen.

 

Die "Große Nationale Mutterloge Zu den drei Weltkugeln" erteilte ihre Zustimmung am 18. Dezember 1844.

 

Die Namengebung bereitete Schwierigkeiten. Auf einem Streifzug durch den Teutoburger Wald waren die Wanderer von der Schönheit ihrer Heimat fasziniert. Über einer Lichtung auf den bewaldeten Höhen leuchtete im Abendglanz der mächtige Kuppelbau, auf den später die gewaltige Statue des Arminius gestellt werden sollte. Wie die Annalen berichten, schallte der Ruf der ergriffenen Brüder: "Armin, wann wirst Du, ein Zeichen deutscher Treue, Dich emporrichten auf Deiner Höhe!". So war der Name für die neue Loge gefunden: "Armin zur Deutschen Treue ".

 

Mit der Lichteinbringung am 22. Dezember 1844 einen Vertreter der "Großen National- Mutterloge Zu den drei Weltkugeln" war das freimaurerische Gesetz erfüllt und die gerechte und vollkommene Freimaurerloge

"Armin zur Deutschen Treue"  in Arbeit gesetzt.

Vor dieser Zeit hatte bereits die Loge "Aurora" in Bielefeld gearbeitet, die der Bruder Mantz in Minden 1780 gründete und am 16.März 1794 in unserer Stadt installierte. Nach sechsjähriger Arbeit kehrte am 4. Juli 1800 die Bauhütte nach Minden zurück. In dieser Loge sind die Wurzeln freimaurerischer Arbeit in Bielefeld zu suchen.

Es fiel die Gründung des "Armin" in eine politisch und wirtschaftlich unruhige Zeit. Ferdinand von Freiligrath schrieb seine revolutionären Gedichte, Hoffmann von Fallersleben, der nach Helgoland geflohen war, dichtete das Deutschlandlied. 1848 brach die Revolution aus. In Berlin, Wien und Ungarn flammten Aufstände auf. Die Sorgen des täglichen Lebens spiegelten sich im Logenleben wider.

 

Im Reichstag arbeitete man unter Bismarck an der Vereinheitlichung allen Gebieten des Rechts, des Verkehrs und der Wirtschaft. Die Normung der Reichsmünzen, Maße und Gewichte brachte eine Erlösung von einer unerträglichen Zersplitterung. Verständlich, dass auch die Logen eine Vereinheitlichung verlangten.

 

1872 suchte die Bruderschaft in Bielefeld nach einem eigenen Logenhaus. An der Schulstraße erwarb man für 2400 Taler ein Grundstück. Am 18. Oktober 1874, dem Geburtstag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, fand die Grundsteinlegung statt. Die feierliche Lichteinbringung erfolgte am 28. November 1875 durch den Deputierten des Bundesdirektoriums Bruder Lüdecke. Durch ihr stilles humanitäres Wirken in vielen sozialen Bereichen erarbeitete sich die Freimaurerei in Ostwestfalen einen gesellschaftlichen Stellenwert. Viele angesehene Bürger aus allen Schichten und Positionen traten dem Bruderbund bei.

 

Unter großer Beteiligung feierte man noch am 21.Juni 1914 das Johannisfest. Bald darauf warf die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares ihre Schatten auf Europa. Am 1.8. erklärte Deutschland Russland, am 3.8. auch Frankreich den Krieg. Am 4.8. folgte die britische Kriegserklärung.

 

Die Telegrafen trugen durch die deutschen Lande das Wort "Mobilmachung". Draußen jenseits der Grenzen tobte der Kampf an dem 54 Brüder der Loge teilnahmen. Daheim versuchte man, die Not zu lindern. Der Loge ging es in der damaligen Zeit dank enormer finanzieller Zuwendungen verhältnismäßig gut. Trotzdem war unübersehbar, dass die Währung zerfiel. Diese Tatsache wurde zunächst als Teuerung empfunden. Am Ende des Jahres 1920 hatte die Logenkasse schon eine Unterbilanz von 12000 Reichsmark, die durch die Brüder abgedeckt wurde. Dass sich die Loge nach der Währungsreform schnell konsolidierte, war der Opferbereitschaft vieler Brüder zu verdanken. Die soziale Zielsetzung wurde aufrechterhalten. Die Mitgliederzahl des "Armin" war inzwischen auf über 220 angestiegen. Die Räumlichkeiten konnten bei festlichen Gelegenheiten die Zahl der anwesenden Brüder und Gäste nicht mehr fassen. Ein intensives Logenleben war bei dieser Entwicklung nicht möglich. Die Brüder beschlossen, die Loge zu teilen. So erfolgte am 22. Juni 1924 die Lichteinbringung der Freimaurerloge "Freiherr vom Stein".

NS-ZEIT, VERBOT UND AUFLÖSUNG

Die Lasten des Versailler Vertrages nach dem Ersten Weltkrieg und die Schwächen der Weimarer Republik verhalfen dem Nationalsozialismus zum Sieg. Stresemann, Staatsmann und Freimaurer, hatte zwar versucht, Hass und Rache abzubauen. Er blieb ein einsamer Rufer in der Wüste. Politische Probleme der Gegenwart waren damals in den Bauhütten kaum gefragt. Die Lösung der eigenen Aufgaben war wichtiger. Die aufkommende Krise in Staat und Gesellschaft und die zunehmende Radikalisierung wurden nicht beachtet.

 

So ist es kein Wunder, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten die Logen völlig durcheinander brachte. Dabei hatte Hitler doch 1924 während seiner Haft in "Mein Kampf" eröffnet, was Deutschland unter einem Naziregime zu erwarten hatte. Aber offenbar blieben die 1o Millionen gedruckten Exemplare ungelesen.

 

Die Freimaurerei wurde als Störenfried verboten; die Logenhäuser und das Vermögen wurden beschlagnahmt, die Mitglieder verfolgt, diskriminiert und staatsbürgerlich deklassiert. Sie sollten als Söhne der Finsternis mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, auch wenn Goethe, Lessing, Herder, Kant und der Preußenkönig Friedrich der Große zu ihren geistigen Ahnen zählten.

 

Anfang März 1935 beschlagnahmte in Berlin das Geheime Staatspolizeiamt das Großlogengebäude der "Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln" und nahm den Nationalgroßmeister Bruder Bordes in Schutzhaft. Die damaligen Machthaber erzwangen die Auflösung der Logen, die in der Jahresversammlung der Große National - Mutterloge am 26. Juni 1935 gebilligt wurde. Die ordnungsgemäß einberufene Mitgliederversammlung des "Armin" beschloss am 17.Juni 1935 unter Vorsitz ihres Meisters vom Stuhl Bruder Erich Nordmeyer die Auflösung zu dem von der Großloge vorgeschlagenen Termin, dem 21. Juli 1935. Damit waren in der ehrwürdigen Bauhütte "Armin zur Deutschen Treue" die Lichter erloschen. Das Logenhaus wurde dem "Deutschen Roten Kreuz" (DRK) zwangsübereignet. Das Inventar, die Bücher und die Akten mussten dem Reichssicherheitshauptamt ausgeliefert werden. Die Akten aller deutschen Logen wurden im Verlauf des Krieges nach Schlesien ausgelagert, gelangten 1945 in die Hände der Sowjets, die sie 1956 z. T. an die DDR zurückgaben. Heute stellen sie für Historiker als Sammlung einen einmaligen Schatz dar.

DIE RÜCKFUHRUNG DES LICHTES

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte das Chaos. Deutschland war verwüstet, lag völlig zerstört am Boden, zurückgeworfen wie nie zuvor. Die Logen oder was von ihnen übrig geblieben war, lagen ebenfalls verzweifelt darnieder. Und trotzdem, sie wurden wiederbelebt.

 

Viele Brüder, die den furchtbaren Krieg mit Bomben und Verfolgung überlebt hatten, sammelten sich. Die Besatzungsmächte, im Anfang noch skeptisch, ließen die Brüder gewähren. Amerikaner, Briten und Franzosen brachten wieder das Licht in die Bauhütten.

 

Am 15. Oktober 1945 trafen sich erstmalig die alten Mitglieder der beiden Bielefelder Logen zu Gesprächen im Ratskeller. Der trostlose Zustand des Vaterlandes und die Not wurden in der Freude des Wiedersehens für einen Augenblick vergessen.

 

Über 20 % der Brüder waren Ostvertriebene und Bombengeschädigte. Diese unglücklichen Menschen befanden sich zum großen Teil in völlig mittelloser Lage und waren auf die Unterstützung des Bruderkreises angewiesen. Die Finanzlage war angespannt. Die Unterstützung der Not leidenden Brüder bereitete Schwierigkeiten. Es fehlte eben an allem. Auch der Nachwuchs blieb aus. Einmal war es die Scheu der Menschen, sich nach den Erfahrungen der Vergangenheit zu binden, andererseits zündete der Gedanke der Freimaurerei in der schweren Zeit des Aufbaus nicht mehr. Es sah sehr schlecht aus.

 

Trotzdem gründeten in Schildesche am 3. März 1947 35 Brüder die neue Loge "Zu den Drei Sparren". Die britische Militärregierung hatte zuvor am 23. Januar 1947 dazu ihre Genehmigung erteilt. Am 12. Mai des gleichen Jahres erfolgte die Lichteinbringung in einer großen Festarbeit.

 

Das Zentraljustizamt für die britische Zone erließ am 15. September 1947 eine Anordnung über die Wiederherstellung aufgelöster Vereine. Daraufhin erfolgte die Aufteilung der Loge "Zu den Drei Sparren" in die alten Logen "Armin zur Deutschen Treue" und "Freiherr vom Stein". Nachdem die Loge "Freiherr vom Stein" ihre Pforten geöffnet hatte, lebte auch die ehrwürdige Bauhütte "Armin zur Deutschen Treue" wieder auf Am 14. Oktober 1950 konnten im "Armin" die Lichter, die 15 Jahre erloschen waren, erneut angezündet werden. Man zählte 91 Mitglieder.

 

Das Logenleben entwickelte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut. 1954 war sich die Bruderschaft einig, das Logenheim in Schildesche aus vielerlei Gründen nicht mehr den Erfordernissen entsprach. In endlosen Beamtenratssitzungen und Mitgliederversammlungen wurde heiß diskutiert. Räume waren in Bielefeld knapp. Man fand Unterschlupf im Hotel "Drei Kronen ".

 

Bei der Schließung der deutschen Logen war das Licht von Bruder Müffelmann nach Palästina zur symbolischen Großloge gebracht worden. Jetzt kehrte es nach Deutschland zurück, ebenso ein Zweites aus Chile. Damit hatten Johannislogen der freien deutschen Länder namens der 194 zusammengeschlossenen Bruderschaften die "Vereinigte Großloge der Freimaurer von Deutschland" konstituiert und die am 18. Juni 1949 beschlossene Verfassung in Kraft gesetzt.

 

Der intensiven Arbeit von Bruder Theodor Vogel ist es zu verdanken, dass die Vereinigten Großlogen das Sammelbecken aller deutschen Freimaurer wurden. Am 19. Juni 1949 zogen die Vertreter der Logen in festlichem Zuge in die geschmückte Paulskirche in Frankfurt am Main ein, um das Licht einzubringen.

 

Der "Armin" gehörte zur "Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln" und schloss sich der "Vereinigten Großloge von Deutschland" an, inzwischen umbenannt in "Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland ".

 

Anlässlich des Konvents in Berlin 1970 traten die "Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln", die "Grand Lodge of British Freemasons in Germany" sowie die "American Canadian Grand Lodge A.F. u. A.M." als gleichberechtigte Partner der in " Vereinigte Großlogen von Deutschland" umbenannten Großloge bei. Damit war das äußerst schwierige Einigungswerk von Bruder Vogel vollendet.

DIE NEUE HEIMAT DES "ARMIN"

1935 wurde dem "Armin" das Logenhaus in der Brüderstraße enteignet. Nach einer 21-jährigen Odyssee erwarben die beiden Freimaurerlogen "Armin zur Deutschen Treue" und "Freiherr vom Stein" das "Lessinghaus" in der Lessingstraße 3. Nun hatten die Bielefelder Freimaurer wieder ein eigenes Heim, in dem sich das Logenleben abspielte. Die Klubabende wurden zum Anziehungspunkt für die Brüder.

 

Dort findet man auch heute Gelegenheit, zeitnahe Probleme zu diskutieren, geschichtliche und philosophische Vorträge zu hören. Aufschlussreiche Ausführungen über Probleme der Gegenwart enden in interessanten Diskussionen. Lichtbilder und Filme führen die Brüder und Schwestern in ferne Kontinente. Festarbeiten und Tafellogen vermitteln unvergessliche Eindrücke und lukullische Genüsse, denn die Küche genießt einen guten Ruf. Bei besonderen Vorträgen und Veranstaltungen verwöhnen die "Brüder in Apoll", Sänger und Konzertpianisten, die Zuhörer mit ihrem meisterhaften Gesang und Spiel.

 

Der Mittwochabend gehört der Loge, und am letzten Mittwoch im Monat findet jeweils ein Gästeabend statt, an dem anspruchsvolle und lehrreiche Vorträge gehalten werden. Die guten Beziehungen zu den Nachbarlogen werden gepflegt und ausgebaut. Viele Wanderungen mit der Familie und den Freunden bereichern das Logenleben. Die feierlichen Tempelarbeiten und interessanten Zeichnungen hinterlassen nachhaltige Eindrücke und Anregungen. Tiefe Trauer erlebt die Bruderschaft, wenn einer der Brüder "zu höherer Arbeit in den ewigen Osten abberufen wird ".

 

Das Lessinghaus schenkt dem "Armin" Ruhe. Er hat in den eigenen Räumen nach unvorstellbaren Turbulenzen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren wieder zu sich selbst gefunden. Raum- und Finanznöte gibt es nicht mehr. Besonnene Stuhlmeister haben mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Geschick und, wenn es sein musste, mit fester Hand und einem engagierten "Beamtenrat" die Loge zu einem Ort der Besinnung gemacht. So steht die starke Bruderschaft in Treue zu ihrem "Armin ".